Cafe Stehely (1831)



Bild: Franz Krüger; Parade auf dem Opernplatz (Berlin), 1824-1830

Ob man bei Stehely einen Begriff von der Verberlinerung der Literatur bekommen kann -ganz gewiss, oder man muesste sich taeuschen in dieser stummen Bewegungssprache, die einen Haufen von Zeitschriften mit wilder Begier und neidischem Blick zusammentraegt, ihn mit der Linken sichert und mit der Rechten eine nach der andern vor die starren, teilnahmslosen Gesichtszuege haelt. Die Eisenstange und das Schloss des Journals scheint mit schwerer Gewalt auch seine Zunge zu fesseln - wer wuerde hier seinen Nachbar auf eine interessante Notiz aufmerksam machen? Ein feindliches Heer koennte eine Meile von Berlin entfernt sein, kein Mensch wuerde die Geschichte vortragen, man wuerde auf den Druck warten und auch dann noch ein Exemplar durch aller Haende wandern lassen - fast in der Weise, wie in Stralow die honetten Leute vor jeder lebhafteren Gruppe vorbeigehen mit dem troestenden Zuruf, man wuerd' es ja morgen gedruckt lesen.

Stehelys Besucher bilden natuerlich zwei Klassen, die Jungen und die Alten, mit der naeheren Bezeichnung, dass die Jungen ans Alter, die Alten an die Jugend denken. Jene sind Literaten in der guten Hoffnung, einst sich so zu sehen, wie man jetzt die Klassiker sieht, weihrauchumnebelt; diese sind Beamte, alte Offiziers, die in einem Atem von den politischen Stellungen des preussischen Staats, den Fuessen der Elsler, den Koloraturen der Sontag, dem Spiel der Schechner sprechen! Nichts Unerbaulicheres! Vor dem Gespraech dieser alten Gecken moechte man sich die Ohren zuhalten, oder in die einsamere Klause des letzten Zimmers fluechten. Schon wenn sie angestiegen kommen, zumal jetzt im Winter; diese dummen, loyalen Gesichter, diese Socken und Pelzschuhe, deren Tritt nicht das leiseste Ohr erspaehen koennte. Triumphierend rufen sie um die "Staatszeitung", forschen nach den privatoffiziellen Erklaerungen eines H., v. R., v. Wsn. Hierauf lesen sie die Berliner Korrespondenzen in der "Allgemeinen Zeitung", die ja wohl der Ausdruck der Berliner oeffentlichen Meinung, als wenn es eine solche gaebe, sein sollen, und wenn sie sich dann noch an den logischen Demonstrationen der Mitteilungen aus der "Posener Zeitung" gestaerkt haben, fallen sie uebers Theater her und man muss sie verlassen. Ihnen am naechsten stehen einige langgestreckte Gardeleutnants und Referendare, die sich dadurch unterscheiden, dass die einen viel sprechen und wenig denken, die andern wenig denken und viel sprechen. Diese geben den Uebergang zu den schon vorhin bezeichneten Juengeren, auf die wir unten des breiteren zurueckkommen muessen.

Es fehlt hier also durchaus nicht an den Mitteln und Elementen, sich ein Bild der Berlinerei vorzufuehren. Man verlasse das Lokal und bei jeder Aussicht wird man fuer sein Bild noch immer treffendere und bezeichnendere Zuege finden. Sogleich die Ansicht einer Kirche, die ausserdem, dass sie eine Kirche ist, auch keine ist. Wie ein Luftball, der unten einen Fallschirm zur Sicherheit traegt, erhebt sich die stolze Vorderseite dieses Domes, leere Steinmassen und hohler Prunk, und hinten dann das geschmackloseste Anhaengsel einer kappenfoermigen Kuppel, die doch das Wahre an dem ganzen Laerm ist in ihrer sonntaeglichen Bestimmung. Wiederum vom Opernplatz aus furchtbare Steinmassen, Urkunden des Ungeschmacks aus dem 16ten und 17ten Saekulum, Hunderte von Fenstern erinnern an die Zeiten der Aufklaerung und der Illuminaten, die kahlen Kulturversuche finden sich wieder in diesen leeren Waenden, die sich ohne Unterbrechung 80-90 Fuss in die Hoehe glaetten. Gilt dies freilich mehr gegen eine vergangene Zeit, so haelt es doch nicht schwer, das alles wiederzufinden in der
Galanteriewarenmanier der neuesten Bauten, wo der Ernst nur ein uebertuenchter ist...

- Karl Gutzkow